Mich hat weniger interessiert, ob eine KI einen Roman schreiben kann, als was sie aus einer bestimmten Vorlage macht: einer guten Idee, deren Verfilmung mich enttäuscht hat.
In In Time: Deine Zeit läuft ab lässt sich Lebenszeit kaufen, verschenken und stehlen. Die Grundidee fand ich stark, den Film nicht. Also habe ich sie als Ausgangspunkt genommen und den Film ausdrücklich als negative Referenz gesetzt. Die KI sollte eine eigene Geschichte daraus entwickeln. Ich rechnete damit, dass sie trotzdem große Teile der Handlung übernehmen würde.
Das Ergebnis heißt Der Preis eines Jahres: 119 Seiten, zehn Kapitel, auf Deutsch und Englisch.
Worum es geht
In der Welt des Romans können Menschen Jahre ihres Lebens verkaufen. Kliniken und Behörden wickeln die Transfers ab. Das Geschäft ist geregelt, doch die offiziellen Verfahren erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Nara arbeitet in einer dieser Kliniken. Ihr Freund Ivo braucht eine Behandlung, die mit Lebenszeit bezahlt werden muss. Weil Nara nicht genug davon hat, will sie zehn Jahre verkaufen. Dabei entdeckt sie, wie viel hinter den vermeintlich ordentlichen Abläufen von Gefälligkeiten, Abhängigkeiten und dem Schweigen der Beteiligten abhängt.
Das interessiert mich an der Geschichte. Sie beschäftigt sich damit, wie der Handel mit Lebenszeit im Alltag funktioniert: Wer genehmigt eine Übertragung? Wer sieht bei Unregelmäßigkeiten weg? Und welche Wahl bleibt Nara, wenn Ivos Leben von ihrer Entscheidung abhängt?
Was funktioniert
Die Welt wird vor allem dort glaubwürdig, wo der Text konkrete Details zeigt:
Die Eingangstüren der Klinik öffneten sich erst, nachdem der Bodenscanner das Alter in Naras Knochen ausgelesen hatte.
Oder:
Eine grüne Linie glitt unter ihren Schuhen hindurch. Irgendwo in der Wand klickte ein Mechanismus, maß und entschied.
Solche Stellen vermitteln, wie selbstverständlich die Kontrollen für die Menschen geworden sind. Der Text muss dafür nicht erst das ganze System erklären.
Auch Naras Motivation trägt die Geschichte. Sie will Ivo retten. Dass sie dadurch in einen größeren Konflikt gerät, ergibt sich nachvollziehbar aus ihrer Lage. Ihr persönliches Problem bleibt wichtig, selbst als sie mehr über das Geschäft erfährt.
Über die zehn Kapitel hinweg konnte ich der Handlung gut folgen. Neue Informationen passen überwiegend zu dem, was zuvor erzählt wurde. Ich hatte beim Lesen nicht den Eindruck, dass hier einzeln erzeugte Texte nur nachträglich zusammengefügt worden sind.
Wo es hakt
Es gibt Wiederholungen und Stellen, an denen sich Figuren nicht so verhalten, wie es nach dem bisherigen Verlauf zu erwarten wäre. Manchmal bleibt die Sprache zu nüchtern. Gerade in Szenen, in denen für Nara viel auf dem Spiel steht, hätte ich mir mehr Nähe zu ihr gewünscht.
Einen eigenen Charakter bekommt die Geschichte für mich vor allem in den Passagen über Klinikabläufe, Schulden und die Beteiligten, die lieber nichts sagen. Diese Teile haben mich beim Lesen am meisten interessiert.
Mein Eindruck
Der Roman braucht sicher noch Überarbeitung. Trotzdem habe ich ihn über weite Strecken als Geschichte gelesen und nicht bloß als Vorführung dessen, was eine KI inzwischen produzieren kann.
Wichtig ist mir, ob ich weiterlesen will, ob mich die Figuren interessieren und ob ihre Entscheidungen nachvollziehbar bleiben. Das gelingt nicht durchgehend, aber oft genug, dass ich das Ergebnis lesenswert finde.
Eine allgemeine Aussage über KI und Literatur würde ich daraus nicht ableiten. Für dieses Experiment fällt mein Urteil schlichter aus: Einige Teile des Romans haben mich mehr interessiert als der Film, der den Anlass dafür gab. Vor allem dort, wo die Geschichte bei Nara und ihrem Arbeitsalltag bleibt.
Das Buch
Beide Fassungen stehen hier als PDF bereit:
Mein Urteil steht oben. Die Texte stehen hier, damit du dir ein eigenes bilden kannst.